Los geht's nach Horta

Statt USA und Kanada... 

Corona ist Schuld. Statt Amerika und Kanada fahren wir jetzt Richtung Azoren. Gestartet am 23.5.20, Samstag ca. 9.00 Uhr. Erst noch Pinnenpilot Kompass kompensiert und los geht’s. Joe, Solo-Segler vom Storm Petrel, ist auch dabei und wird auch die nächsten Tage in unserer Nähe segeln.

 

Hoch am Wind Richtung NO

 Die ersten Tage auf See haben wir angenehmen Wind, müssen aber immer so hoch wie möglich am Wind segeln, um möglichst viele Meilen Ost zu machen.

Die erste Woche ist zudem geprägt von Ausfällen und Verlusten. Zunächst haben wir - wie immer - Probleme , unsere Satelliten-Verbindung in Gang zu kriegen. Super nervig, weil wir am ersten Tag direkt über das Iridium unsere Mails im Ein-Finger-Such-System tippen müssen und Wetterdaten nur eingeschränkt bekommen. Irgendwann läuft es dann... Warum?? Keine Ahnung.

Am zweiten Tag reißt das Genua-Fall und das gute Stück fliegt fasst davon. Ansgar muss in den Mast, mitten auf dem schaukelnden Atlantik. Das ist super ätzend und ihm steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Der Einsatz geht nicht spurlos an ihm vorüber, da er sich mit beiden Beinen um den Mast klammern muss. Er kommt ziemlich vermackt wieder runter und sieht ein bisschen wie ein Dalmatiner aus, aber er konnte tatsächlich als Ersatz das Spifall einschäkeln. Bin ich froh, als er sicher wieder an Deck ist.(!!!) Die Genua dann hochzuziehen mit der kleinen Winsch ist sehr Kräfte zehrend. Aber es gelingt und wir können wieder segeln. Und: Wir haben einen Gast an Bord!

 

 

 

Piepmatz an Bord

Dieser kleine süße Fratz ist bei uns gelandet und hat sich einen Nachmittag lang meist im Cockpit, am liebsten in unseren Gemüsenetzen, aufgehalten. Am Abend sucht er dann eine ganze Weile und fliegt auf unserem Boot umher, bis er ein geeignetes Schlafplätzchen in der Küche findet. Wir entdecken ihn dort erst am nächsten morgen. Er dreht dann noch eine Tour durchs Boot und schwirrt dann endgültig ab. Wahrscheinlich wollte er nicht zu den Azoren. Wohin wohl, Du kleiner Piepmatz, ganz allein über den Atlantik? Wir vermissen ihn ein bisschen. War so süß, aber ich hatte auch Angst, dass er bei uns an Bord nicht überlebt. Hatte schon überlegt, was auf seinem Speiseplan so stehen könnte. Unser Muesli mochte er jedenfalls nicht. Wahrscheinlich hat ihm einen Mütze voll Schlaf und einfach mal ausruhen genügt. Komm gut an….

Die Woche der Reparaturen

Neben der Logge, die sich durch die Mengen der Seragossum-Alge aufgehängt hat (ist nicht so wichtig, wir haben SOG über das GPS), und dem Windmessgeber, der keinen Wind anzeigt (was bei dieser Tour wirklich super blöd ist),  haben wir noch einen defekten Elektromotor vom Autopilot (können wir durch einen Ersatzmotor austauschen), ein vom Windpilot fast abgerissenes Pendelruder (repariert Ansgar mit Edelstahlstreifen, ist nicht perfekt, aber fuktioniert für den Rest der Strecke!), eine völlig zerzauste Windex (da steht nur noch der Stiel) und ein größer werdender Riss in der Genua, der glücklicherweise auch bis zum Schluss hält. Alles in der ersten Woche. Und wenn man noch ca. 2000 sm vor sich hat, macht einem das etwas Angst: Was kommt noch? Aber: Das war es! Und damit ist dieser Törn wirklich glimpflich abgegangen und nach unserem Maß praktisch ohne Schäden. Puh!

Mit ohne Wind

Die ganze Überfahrt ist gezeichnet von Flaute und motoren. Auch wenn die Wellen glücklicherweise sehr gering ausfallen, d.h. praktisch keine Welle (!), bedeutet das doch so viel Bewegung im Schiff, dass wir bei Flaute motoren müssen. Es ist nicht nur so, dass einem das Gewackel tierisch auf die Nerven geht, es zerschlägt auch alles. Also muss die „Unterwasser-Genua“ arbeiten, oft stundenlang, tagelang. Das ist laut, und nervt auch. Aber es geht nicht anders. Wir verbraten diesmal so viel Diesel, dass wir sogar einen unserer Seitentanks leeren müssen, den mit dem gut gehüteten synthetischen Diesel aus Holland.

 

Beidrehen im Gewittersturm

Wir fahren Ende der ersten Woche in einen Trog, der uns neben viel Wind auch jede Menge Gewitter bringt. In einer Nacht sind wir umzingelt von Gewittern (Siehe Foto) und das macht einem wirklich Angst. Durch den Sturm sind wir selbst gerefft noch so schnell, dass wir schön mit der Gewitterfront mitfahren. Wir entschließen uns beizudrehen. Das haben wir bisher immer nur zum Zeitvertreib, aus Spaß sozusagen, gemacht, noch nie aus Notwendigkeit. Also los: Wir drehen Umiak in den Wind, stellen die Fog back und…: Ruhe ist! Noch ein bisschen mit dem Großsegel hin und her trimmen, bis die Geschwindigkeit unter 2 kn ist und das Boot eine gute Lage zu den Wellen hat, dann ist es perfekt. Wir wollen warten, bis die blöden Gewitter abgezogen sind und machen uns erst mal gemütlich was zu essen. Nach ein paar Stunden wollen wir es nochmal versuchen. Wir segeln wieder weiter, werden aber so heftig vom Wind erwischt, dass wir wieder beidrehen (können wir ja jetzt!). Diesmal legen wir uns schlafen und beschließen, definitiv erst am Morgen, wenn sich der Wind hoffentlich gelegt hat, gut ausgeschlafen weiterzufahren. Es ist richtig gemütlich an Bord: Schiff einigermaßen ruhig, alle Schotten dicht, draußen tobt´s und im Bett ist es kuschlig warm. Wir sagen vorher noch einem herannahenden Frachter Bescheid, dass wir nicht in Bewegung sind, und schlafen dann wie die Bären (nur ab und zu gucken, ob jemand uns überfahren will).

Flora und Fauna unterwegs

Bevor wir in höhere Breiten kommen, schwimmt sehr viel Seragossum vorbei. Das macht manches Mal unserem Wassermacher Probleme, weil der Einlauf verstopft. Und es gibt Heerschaaren von portugiesischen Galeeren (siehe Foto). Diese Quallen segeln mit ihrem hübsch pink bis lila farbenen Segel wie die Weltmeister über den Atlantk. Manchmal schmeißt es sie auch um, sie können sich aber immer wieder sofort aufrichten. Echt toll. Leider sind sie mit einem Neuotoxin in ihren langen Tentakeln super giftig. Schwimmen ist hier definitiv nicht!!

Als das Wasser kälter wird, besuchen uns wieder Delfine, einmal eine Familie – nehmen wir jedenfalls an: Vater, Mutter, Kind. Sie spielen um´s Boot rum, dass es eine Freude ist. Delfine zu sehen, ist immer etwas ganz Besonderes. Es geht einem bei ihrem Anblick einfach das Herz auf. Weiter nördlich treffen wir dann auf die größeren Exemplare, teils riesige Schulen, manchmal auch weiter weg und nicht so verspielt. Ein schönes Ereignis ist es immer!

Faszinierend sind die Vögel: echte Flugkünstler. Unglaublich, sowohl die Storm Petrels als auch die Shearwaters (ich weiß den deutschen Namen nicht). Sie bewegen kaum die Flügel, gleiten durch die Lüfte, knapp an der Wasseroberfläche entlang, dass man glaubt, sie müssten nasse Flügel bekommen, und starten aus dem Wasser wie nichts. Toll! Man kann ihnen stundelang zusehen.

 

 

 Motorwartung während der Flaute

Wir sind solange unterwegs und unser Motor muss so viel arbeiten, dass wir eine Flaute dazu nutzen, den Motor zu warten: Öl nachfüllen, Keilriemen austauschen, Filter wechseln, Wasserabscheider leeren, Welle nachziehen. Und immer wieder der Gedanke hier draußen: Hoffentlich hält alles bis zum immer noch weit entfernten Ziel!

 

Wechseln in Windstärke und Windrichtung

Der Wind ist auf der ganzen Strecke kompliziert, der angenehme Ost-Wind der Anfangstage ist schnell vorbei. Wir haben immer wieder plötzliche Wechsel von praktisch keinem Wind zu heftiger Blase und fast überall sehr viele Windlöcher. Da ist dann mit einem Schlag der Wind aus und das Boot dreht vom Kurs ab. Man muss höllisch aufpassen und ständig auf der Hut sein. Generell haben wir auf diesem Törn keinen Wind oder starken Wind aus der falschen Richtung. Wir ändern häufig unseren Kurs auf der Suche nach Windfeldern. An einem Tag kreuzen wir verzweifelt in der Gegend rum (und hier gibt es viel Gegend…; siehe Foto), so dass wir am Abend gerade mal 2 sm gut gemacht haben. Das ist so frustrierend!!!

 

Letztlich kommen wir auf 2624 sm von Martinique nach Horta in 23 Tagen. Unterwegs haben wir schon Pläne zu unserer „Nach-Segel-Ära“ gemacht (mit dem Motorbötchen entspannt durch Deutschland und Holland über Flüsse und Kanäle ). 

Das Müllproblem

Diesmal haben wir 5l-Wasserflaschen gekauft, in die wir all unseren Müll kleingeschnitten reinpressen, nachdem wir vorher auf den Langfahrten immer zahlreiche Tüten mit Müll angesammelt hatten. Und das ist echt phänomenal platzsparend und zudem geruchsdicht verschlossen. Auf dem Foto zu sehen ist der Müll von drei Wochen (!!!), eine Tüte sind ausschließlich die Tetrapacks von unseren Säften. 

 

Eine Begegnung der sonderbaren Art

Am Morgen des 19. Tages taucht wie aus dem Nichts ein Autotransporter (300 m lang) ca. 2 Meilen vor uns auf. Uhps! Ein ganz schöner Schreck. Der hat kein AIS-Signal. Jedenfalls sehen wir keines und funken ihn an, um ihm das mitzuteilen. Er ist einigermaßen bestürzt darüber und macht sich an die Reparatur. Nach einiger Zeit läuft es wieder und er fragt bei uns nochmal an, ob wir ihn jetzt sehen. Gut, dass uns der nicht Nachts begegnet ist, da kann man Entfernungen nämlich praktisch nicht einschätzen!

 

Sturm gemeldet 

Jetzt sind wir fast da und nun kommt noch eine Sturmwarnung herein. Freitag der 20. Tag auf See. Die Empfehlung der Wettervorherseher: Nothafen anlaufen! Aha. Wir sind in der Nähe von Flores, ja gut. Aber da ist alles geschlossen und außerdem wäre es doch ein ganz schöner Umweg. Wir beschließen Kurs auf Horta zu halten und gegebenenfalls abzulaufen oder beizudrehen. In der Nacht zu Samstag ist er dann da der Wind! Ziemlich plötzlich. Wir warten noch, bis es hell wird, und dann kommt das 2. Reff ins Groß, Genua auch gerefft und los geht´s. Wenigstens kommen wir jetzt gut voran und sogar einigermaßen in Richtung Ziel, so ein Stürmchen hat schon was, nach all dem ohne Wind segeln. Überhaupt wird es nicht so schlimm wie angekündigt. 25 bis 30 kn, in Böen mal 35 kn, da hatten wir schon Schlimmeres und das ohne Vorsegel (von der US-Küste nach Bermuda mit 45 kn). Also, wir nutzen den Wind und bewegen uns mit gut 7-8 kn (in Spitzen blitzt mal die 10 auf) auf Horta zu. Kurz vorher ist der Wind dann wieder aus und wir motoren das letzte Stückchen.

 

Willkommen in Europa: Nieselregen und saukalt

Die Anfahrt auf Horta macht wettertechnisch nicht wirklich Mut. Es sieht ungemütlich aus. Willkommen in Europa. Wir frieren ziemlich und haben so alles an Klamotten ausgepackt, was ging. Immerhin, sagen wir uns, müssen wir gleich nicht bei 30 kn ankern. Ist ja auch schön.

Und dann geht auch noch kurz vor Ankunft die Wolkendecke auf und die Sonne kommt raus. Der Hafen ist ziemlich voll, wir kriegen gerade noch ein Plätzchen, bevor die einen Tag nach uns ankommenden Yachten wieder außerhalb ankern müssen. Das Wetter ist hier seit Wochen schlecht bzw. der Wind so ungünstig (immer aus Nord), so dass die hier liegenden Schiffe einfach nicht weiterkommen. Der Blick auf die Insel ist wunderschön, das komplette Kontrastprogramm zur Karibik, aber einfach wunderschön.

Wir sind erst mal überglücklich, angekommen zu sein, auch wenn wir wieder mal nicht von Bord dürfen.

 

Die Corona-Lage

Die Restriktionen sind hier wirklich strikt!! Keiner darf von Bord, keiner darf an Bord kommen, kein Dinghy ins Wasser, kein Schwimmen um´s Boot. Duarte und Filip von Cafe Peter Sport versorgen die hier liegenden Yachten mit allem, was man dringend braucht: Lebensmittel, Pakete, auch mal Ersatzteile, wenn sich die in der Chandlery besorgen lassen. Die beiden Jungs sind wirklich klasse, unermüdlich im Einsatz und liefern abends sogar Essen aus dem Restaurant aus. Fantastisch. Endlich wieder Salat und für Ansgar ein Steak.

Aber für die Boote, die hier schon so lange feststecken, ist es echt hart.

Ab Montag, 15.06. ändern sich die Regeln. Es gibt jetzt Corona-Tests, jeder, der an Land will, muss sich testen lassen, egal wie lange man vorher auf See war. 6 Boote pro Tag ist die maximale Testkapazität. Die Liste ist lang und wird nach Liegezeit in Horta und besonderen Kriterien wie z.B. Kinder an Bord etc. priorisiert. Wir stehen also ganz unten. Und dann dauert die Auswertung des Tests nochmal bis zu 72 Stunden. Wir bleiben also erstmal gemütlich an Bord und hoffen, irgendwann im Laufe der nächsten Woche, tatsächlich einklarieren und einen Fuß auf die Insel setzen zu dürfen.