Bermuda - Islands in the sun (?)

Hier unser "Vorbereitungsbild" noch einmal richtig herum (Sorry - aber die Bedienung all der verschiedenen Software-Programme bringt mich manchmal an den Rande der Verzweiflung!). Also: zu sehen die Strömungen, die uns erwarten werden und die wir sehr wohl zu beachten haben, neben Wind und Wellen. Unsere Freunde von der Arcadia  - sehr erfahrene langjährige Segler, die einfach alles wissen (Danke für all Eure Hilfe!!) erklären uns, wo es lang geht. Am Freitag, den  8. November scheint sich ein Fenster aufzutun, das starken Wind aus der Chesapeake Bay raus nach Norfolk und lauen, später nach Süd drehenden Wind im Golfstrom verspricht. Nur "hintenraus" müssen wir uns beeilen, um vor dem gemeldeten Starkwind Bermuda zu erreichen. Da unser Fokus auf der Querung des Goldstroms liegt, legen wir am Freitag morgen ab.

Wie immer braucht es unglaublich viel Zeit, um von Deltaville, das so wunderbar geschützt liegt, überhaupt die Chesapeake Bay zu erreichen. Und wie immer haben wir zeitweise 30 kn auf der Nase. Ein langwieriger Akt, fast drei Stunden, damit wir sozusagen überhaupt erst einmal "losfahren" können. Dabei stellen wir fest, dass bei der Reparatur des Lazybags die Reffleinen vom Großsegel nicht wieder festgemacht wurden - wir haben es schlicht übersehen! Blöd. Was tun? Bei dem Wind ohne Reff, geht gar nicht, über den Nordatlantik sowieso nicht! Aber umkehren funktioniert auch nicht, dann wären wir zu spät für unser Wetterfenster. Wie entschließen uns, bei dem momentanen Wind nur mit Genau zu fahren und auf ruhigere Zeiten zu warten, um dann die Reffleinen zu befestigen bzw. neu in den Baum einzuziehen. Mit ziemlich Speed, da fast Rückenwind und Strömung mit uns, sausen wir Richtung Nordfolk. Wir können die Brücke noch in der Dämmerung passieren, dann drehen wir ab auf den Atlantik. Eigentlich sollte der Wind jetzt bereits abnehmen und wenig Welle zu erwarten sein - soweit die Vorhersage. Tatsächlich ist es eine ganz blöde See, es schaukelt heftig, der Wind ist ziemlich stark, aber für uns ok. Besser als kein Wind bei so einer See. Nur: es ist saukalt (ca. 8 °C).

 

Wie erwartet - mein Körper ist in dieser Hinsicht sehr zuverlässig - werde ich nach den ersten 12 Stunden seekrank. Dabei fühlte es sich erst so gut an. Diesmal hatte ich schon eineinhalb Tage vor Start mit der Stugeron-Einnahme begonnen. Es schien alles zu klappen, selbst bei der Welle ging es mir gut. Bis ich abends etliches unter Deck zu tun hatte - dann ging es los, wie immer (auch das sehr zuverlässig) über ca. 36 Stunden. Es ist einfach zum ....

 

Nach eineinhalb Tagen erreichen wir den Golfstrom, die Temperaturen steigen stetig. Bereits die zweite Nacht war gut auszuhalten (ca. 16°C). Auch im Golf haben wir zunächst noch viel mehr Wind, als vorhergesagt, aus nördlicher Richtung! Trotzdem segelt es sich wirklich gut und wir kommen prima voran. Die Wellen sind smooth und wir können zumindest die Reffleine vom ersten Reff wieder festknoten. Das Wasser hat jetzt Badewannentemperatur - klasse! Es ist wirklich sehr beeindruckend, dieser riesige kräftige Warmwasserboiler der Natur! Ab Mitte Golf kommen wir dann in eine Flaute und müssen etliche Meilen unter Motor zurücklegen. Zwischending briest es aber immer mal wieder gut auf und wir können segeln. 

 

Montag kommt der Wind fast von vorn, aber es sind nur um die vier Knoten. Der Motor läuft und bei ziemlich platter See können wir auf unserem Doghouse rumklettern und die übrigen Reffleinen vom Groß wieder einziehen. Jetzt passt wieder alles und wir sind bereit, zu reffen, was nötig ist. Wie nötig, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht...

 

Ab Montag Nacht nimmt der Wind immer weiter zu und wir rauschen über den Vollmond beschienenen Atlantik. Herrliches Segeln!!

Die See wird gegen Morgen hin immer unruhiger und es geht so manche dicke Welle über Deck. Die Kraft des Wassers ist immens - so stark, dass es uns das so sorgfältig festgezurrte Dingy auf Deck verrutscht. Nur ein Stückchen, wäre nicht so schlimm, wenn dabei nicht die Luke von der Schlafkoje in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Jetzt haben wir Wassereinbruch in der Koje, nicht übermäßig, aber so, dass es rein schwappt, wenn ein Brecher über Deck geht. Wir trockenen mit Handtüchern und versuchen die Matratze zu schützen so gut es geht. Auch die Luke wird von unten mit Handtüchern ausgestopft.  In einer etwas ruhigeren Minute gelingt es Ansgar, das Dingy wieder zurechtzurücken und somit auch die Luke wieder abzudichten. Bis zum nächsten Mal.  (:

 

Dienstag: Wir laden den neusten Wetterbericht runter und denken, wir wissen, was da auf uns zukommt. Starker Wind ab Mittwoch. Bermuda vorher zu erreichen ist unmöglich. Wir müssen da durch und reffen schon mal das Groß (2. Reff), um in der Nacht möglichst nicht an den Mast zu müssen. Bei bis zu 35 kn in Spitzen und durchschnittlich ca. 29 kn Wind rauschen wir durch die Nacht. Unser Windpilot steuert sehr zuverlässig (!!!), und wir können relativ gut Kurs halten, obwohl wir ziemlich hoch am Wind segeln müssen. An Schlaf ist nicht zu denken. Es ist laut, das Boot wird erbarmungslos geschüttelt und es knarrt und ächzt unter der immensen Belastung. Trotzdem: Es segelt sich gut. Die bange Frage ist nur, wenn der Wind jetzt schon so viel stärker ist als gemeldet, was wird dann morgen, wenn Starkwind vorausgesagt ist??

 

Mittwoch morgen, 06.15 Uhr: Die Reffleine der Genua reißt!

 

Die See ist wirklich rau, der Wind gnadenlos. Es hilft nichts. Die Genua muss runter oder eingerollt werden. Der Wind wird stärker werden...Die folgenden Szenen kenne ich gut: In der Segelschule haben sie uns immer wieder solche Filme gezeigt, bei denen die verzweifelte Crew an Deck gegen Wind und Wasser kämpft, immer wieder überspült von Brechern, Wasser und Salz in Augen, Nase, Stiefeln, Unterhose.... Und es waren genau die Szenen, bei denen man im schönen trockenen beheizten Schulungsraum gedacht hat: Das möchtest Du nie erleben!! ( Und schnell wieder an die Postkartenidylle des relaxt im Cockpit sitzenden, den Wind und die Sonne genießenden Seglers unter blauem Himmel gedacht hat...). Wir kämpfen also. Die Genualeine knoten wir vorne wieder zusammen, rollen ein soweit es geht, sichern die Genua, Knoten wieder auf, Leine um die Rollreffanlage wickeln und neu knoten. Bei gut 30 kn Wind. Wieder ein Stück einziehen und das ganze von Vorne. Immer wieder müssen wir höllisch aufpassen, dass wir nicht von den schlagenden Schoten erwischt werden. Der Block der Genua-Backbord-Schot schlägt und hämmert aufs Deck. Am Bug arbeiten bei der See ist ... naja, also zumindest nass. Aber ich habe alles richtig gemacht. Ich habe nämlich außer meinem T-Shirt und einer Jeans keine weiteren Klamotten angezogen. Ein "Muss" sind gute feste Stiefel, Lifejacket und Einpickleine. Alles andere "kann", aber "braucht nicht". Das Wasser wird bis auf unsere Haut gespült - es ist total unerheblich, was man an hat. Der Berg an nassen Klamotten ist bei Ansgar, der "gut präpariert" war,  beträchtlich...nass sind wir beide gleich. 

 

Über ein Stunde müssen wir arbeiten, dann ist es tatsächlich geschafft: 60 qm Tuch sind eingerollt und gesichert. Wir sind erleichtert und ehrlich gesagt auch ziemlich stolz, dass uns das gelungen ist. Aber körperlich so erschöpft, dass die Knie zittern..

 

Mittwoch Mittag: Es geht los! Der Wind ist da und bläst mit konstanten Windgeschwindigkeiten über 35 - 40 kn. In Spitzen haben wir auch 45 kn gemessen (scheinbarer Wind). Wir haben gerefft, so gut es geht ,und schaffen nur noch um die 5 bis 6 Knoten Fahrt. Die Wellen rollen über Deck und so manch eine besucht uns im Cockpit. Windpilot und elektrischer Autopilot schaffen diese Bedingungen nicht mehr. Der Windpilot würde zwar noch funktionieren, wir müssen aber, um einigermaßen Kurz zu halten, mit halben Wind vorankommen. Der Kurs ist mit Windpilot nicht zu halten. Also steuern per Hand. Angeleint und festgeklammert am Steuerrad. Über Stunden...

 

Und plötzlich ist der Wind weg: Also nicht wirklich weg, aber plötzlich haben wir nur noch bis zu 30 kn Wind - alles ist relativ!! :) Jetzt kann der Windpilot wieder übernehmen und wir haben zumindest eine Verschnaufpause. Die Nachmittagsstunden des Mittwochs verlaufen als Erholprogramm - bis gegen Abend der Wind wieder bläst wie Harry!

 

Mittwoch 15.23: Letzter Eintrag im Logbuch - danach haben wir für solche Nebensächlichkeiten keine Zeit mehr.  Die Fock schlägt. Wieso? Keine Windänderung? Hm. Wir müssen sie dichter holen, dichter und dichter.... Was ist hier los. Plötzlich ist unsere gereffte Fock ausgerollt bis auf den letzten Zipfel. Ursache: Die Reffleine ist gerissen!! Das kann doch nicht sein!! Doch! Bei Dunkelheit die ganze Prozedur nochmal, der Kampf an Deck. Kurzeitig sträubt sich mein Verstand gegen den Gedanken, da vor zu krabbeln. Aber Ansgar ist zu Recht unerbittlich: Es muss sein. Ansgar geht zuerst vor zur Fock, ich löse die Schoten und dann versuchen wir beide am Stag, das Ding einzudrehen. Mit knapper Mühe schaffen wir es gemeinsam, die Fock per Hand einzudrehen - sichern an der seitlichen Klampe, damit sie sich nicht mehr ausrollt. Die Schoten haben sich mittlerweile total ineinander vertüdert, das sie gerade noch in den Block reichen. Festsetzten nicht mehr nötig. Segeln ab jetzt nur noch mit Groß. 

 

Mittwoch Nacht: Sturmsegeln mit Groß im zweiten Reff und steuern per Hand. Die zweite Nacht ohne Schlaf. Man muss sich höllisch konzentrieren, um den Kurs zu halten. Steuern ist eher mein Ding. Wenn Ansgar übernimmt, gehe ich unter Deck und lege mich hin: in voller Montur, nass, mit Regenzeug, Rettungsweste, Einpickleinen, alles bleibt dran, um keine Minute zu verlieren: Hinlegen auf den Boden, für zehn Minuten Augen zu und im Kurzzeitschlaf Kraft tanken. Dann wieder raus und weiter. Pieseln nur, wenn gar nichts mehr geht, nimmt sonst viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, sich erst aus dem Zeug zu quälen. (Ich komme erst am Morgen bei der Anfahrt auf Bermuda dazu, als ich sowieso einige der Klamotten ablegen kann).

 

Mittwoch Nacht, ca. 35 nm vor Bermuda funken wir "Bermuda Radio an". Wie ist es schön, hier  bei dem Krach eine Stimme zu hören. Und irgendwie total beruhigend, dass die jetzt wissen,  wir sind auf dem Weg zu ihnen. Immer wieder hören wir Funksprüche von "entmasteter Yacht", "verlassenem Boot", etc. Was genau los ist, verstehen wir nicht, klären aber mit Bermuda Radio ab, dass die Positionsangaben der entmasteten Yacht von unserer Position, um helfen zu können, viel zu weit entfernt liegen. Diese Informationen bewegen uns tief und treiben uns Tränen in die Augen; die Betroffenen haben unser ganzes Mitgefühl. Der Grat zwischen Gelingen und Scheitern ist hier draußen bei diesen Bedingungen so schmal!! 

 

Die Sorgen bei Dunkelheit in Bermuda anzukommen, sind unbegründet. Wir benötigen so lange - es ist längst hell. Um 9.30 Uhr Ortszeit erreichen wir Bermuda. Steuern von Hand bis zum Schluss. Beim Bergen des Großsegels bemerken wir, dass auch das Achterliek Schaden genommen hat und auf einer Länge von vier Metern eingerissen ist. Als wir um die "erste Ecke" biegen, wird der Wind weniger, und mit erreichen des "Town Cut", eine schmale Einfahrt nach St. George´s Harbour, ist alles wieder friedlich!

 

Was für ein Törn! Es war alles dabei: Schöner kräftiger Wind, platte See, schei.... Welle, Flaute, Motoren, rasantes, berauschendes Segeln, Sonne, Vollmond, Sturm und Regen: Umiak segelt sich prächtig. Wir hatten nie Angst auf unserem Boot, Umiak gibt einem wirklich ein Gefühl der Sicherheit. Was uns zu schaffen gemacht hat, ist nicht den Wetterbedingungen zu trotzen, sondern mit all den Schäden und Ereignissen umzugehen, die aufgrund der immensen Belastung des Materials bei solchen Bedingungen eintreten. Und diese sind anscheinend nicht zu vermeiden: Bei unserer Ankunft hören wir die Stories von anderen Seglern, die uns ihrerseits ihre Schäden aufzählen. 

 

Bei der Anfahrt zum Ordonance Dock in St. George´s fahren wir am Ankerfeld vorbei und werden winkend von unseren Freunden begrüßt: Dan und Catherine sind mit ihrer White Pearl bereits am Freitag Nacht angekommen. Sie hatten zumindest die letzten zwei Törntage genauso zu kämpfen wie wir. Gleiche Bedingungen, ebenso massive Schäden und Vorkommnisse und Schrecksituationen. Wir sitzen alle in einem Boot.

 

Nach dem Einklarieren (problemlos, überaus freundlich und hilfsbereit!!), bei dem die einzige Schwierigkeit ist, sich auf dem schwankenden Land einigermaßen gerade zu halten (die Beamtin schmunzelt, sie kennt den "Seglerschwankgang"), ankern wir. 

 

Beim Klarieren des Ankers müssen wir aber zunächst feststellen, dass die Wucht der Wellen die Ankerkette im Kasten, in der Rohrführung und den Abschlussdeckel total verklemmt haben. Wir müssen ziemlich Kraft aufwenden, um alles wieder gangbar zu machen. Leider verschätzen wir uns beim ersten Ankerversuch etwas mit den Abständen zum Nachbarlieger. Wir entscheiden uns, den Anker nochmal aufzuholen, obwohl wir so todmüde sind, dass wir kaum noch aus den Augen gucken können. Aber Sicherheit geht vor. 

 

Nur: Das Aufholen klappt nicht!!

 

Es ist doch nicht zu fassen, nimmt es denn kein Ende? Während ich versuche, mir einen Plan B auszudenken, nimmt Ansgar unbeirrt die Winsch auseinander, entfernt Fett aus dem Reibkonus und setzt alles wieder zusammen - Ingenieur eben! Der anschließende Testlauf ist reine Nervensache und ziemliche Belastung für das Herz-Kreislaufsystem (Luft anhalten, Herzklopfen etc.). Aber es klappt.

 

Jetzt sind wir wirklich angekommen - auf den Bermuda Islands. Und die Sonne kommt auch wieder raus: Islands in the sun. Das Nationalgetränk - eine Mischung von Bermuda-Rum mit Berry´s, einem nur hier erhältliches Ingwerbier - heißt "Dark and Stormy". Nach dieser Überfahrt bekommt der Name für uns noch einmal eine ganz andere Bedeutung!