830 sm nach Mindelo, Cab Verden

In knapp sieben Tagen hat uns der Nordost-Wind nach Mindelo geblasen. Der Aufbruch von Teneriffa verlief entspannt und die See war die ersten eineinhalb Tage relativ ruhig. Der Körper konnte sich also gut an das Geschaukel gewöhnen!! Dennoch ist das Leben auf See, selbst wenn alles glatt läuft - und wann tut es das schon - eine Herausforderung. Wind und Welle von schräg hinten bringen das Boot ganz schön in Bewegung. Mussten wir uns an unser winziges Bad an Bord im Vergleich zu Icking zunächst gewöhnen, ist man auf See von Herzen dankbar, dass das Ding um keinen Zentimeter größer ist. Man stelle sich vor, auf dem Klo zu sitzen bei richtig Welle und kann sich nirgendwo dagegenstemmen... Nein, was sind wir froh um diesen kleinen Raum: Man kann nicht umfallen, hat keine weiten Schleuderwege und selbst in der Dusche kann man sich immer irgendwie einkrallen. Das ist auch nötig. Aber gerade auf eine Dusche am Morgen möchten wir nicht verzichten. Nach einer in Schichten durchwachten Nacht tut eine morgendliche Dusche so gut und ersetzt glatt ein paar Stunden Schlaf. Wir haben mittlerweile unseren Rhythmus gefunden und wechseln etwa alle vier Stunden. Anfangs eines Törns ist mir meistens schlecht, und der Captain kann nicht schlafen, weil er sich zu viele Sorgen macht. Später auf der Reise bin ich fit und Ansgar so müde, dass auch er schlafen kann. Wir ergänzen uns also prächtig. Nach ein paar Tagen ist alles gut. Anstrengend bleibt es. Segeln ist doch einfach Sport, so eine Reise ist kein Urlaub, sondern eine Herausforderung für Körper und Seele. Hat man das erst mal akzeptiert, läuft es ganz gut im Takt. Und es gibt dauernd etwas zu tun. Bereits am ersten Tag hält Ansgar die Angel ins Wasser. Ich bete, dass die Fischlein diese ignorieren. Und meine Gebete werden erhört - am ersten Tag...

 

 

 

Am zweiten Tag der Reise  - wir segeln Schmetterling, also Genua auf einer, Großsegel auf der anderen Seite, - kommt verursacht durch eine heftige Welle plötzlich der Wind hinter das Großsegel und drückt unseren Bug um gut 90 Grad rum. Sofortiger Handlungsbedarf, dabei kämpfe ich gerade mal wieder mit dem Satellitentelefon und habe für solche Noteinsätze eigentlich gar keine Zeit. Was hilft´s?! Telefon ab unter Deck und Seilchen zurren, Windpilot aus und Steuer übernehmen. Wir sind also gerade gut mit Kurs und Segel beschäftigt, als just in dem Moment ein Fisch anbeißt. Hat der Nerven...Die Dinge passieren immer alle gleichzeitig. Die nächste Stunde ist Ansgar damit beschäftigt, seine Goldmakrele an Bord zu holen. Ich flüchte unter Deck. Als mich der Ruf ereilt: "Hol mal einen Hammer", wird es mir echt zu viel. Ich packe Ansgars heißbeliebten Whisky der Marke Lagavullin, 16 Jahre aus (das alte Zeug musste also sowieso irgendwie weg...:) und piepettiere der armen Kreatur das Zeug sanft hinter die Kiemen. Ich weiß zwar nicht, ob das die bessere Methode ist zu sterben; dennoch erscheint es mit einfach würdevoller als die Hammermethode!

Trotz allem muss ich zugeben: Wir hatten ein wirklich leckeres und gesundes Abendessen.

Die nächsten Tage an Bord sind irgendwie ganz schön arbeitsreich. Zumal ein Block vom Preventer platzt, das Teil soll eigentlich den Baum vom Großsegel daran hindern, z.B. in einer Welle unkontrolliert auf die andere Seite zu schlagen. Die Kräfte, die auf See auf ein Boot einwirken, sind wirklich gigantisch. Glücklicherweise passiert nicht viel, als der Baum rüber kommt. Nur: So ganz raume Kurse funktionieren ohne Preventer bei der starken Welle nicht mehr. Nach einigen Überlegungen zollen wir der Tatsache Rechnung, dass wir mit der bisherigen Segelstellung zu weit östlich abgekommen sind. Wir probieren es, wie schon auf der Biskaya, nur mit Genua ohne Groß. So können wir fast genau vor dem Wind segeln mit direktem Kurs auf Mindelo.

Es geht flott voran. Einmal blitzt auf der Logge die "10" auf (10 Knoten Fahrt = 18,5 km/h). Unglaublich für unsere dicke Umiak. Das ist zwar nur ein kurzer Augenblick, dennoch sind in den nächsten Stunden 8 bis 9 kn keine Seltenheit.

Morgens finden wir jetzt immer öfter fliegende Fische auf Deck. Meistens nur sehr kleine Exemplare, manchmal ist auch ein größeres Tierchen dabei. Was immer noch fehlt sind Wale. Der Captain hält verzweifelt Ausschau. Wir müssen uns mit einer riesigen Delfinschule zufriedengeben, die mal wieder um unser Boot herumtollt. Die Tiere sind viel kleiner als vor der Küste Portugals.

Die Sonnenauf- und Untergänge auf See sind spektakulär, der Sternenhimmel unglaublich. Nur: Der Mond hängt hier "verkehrt rum". Er ist um eine viertel Drehung gegen den Uhrzeigersinn verdreht. Ein für uns ungewöhnlicher Anblick. Für Helligkeit in der Nacht sorgen vor alle auch die phosphoreszierenden Lebewesen in der rauschenden Bugwelle. Leider alles Phänomene, die wir nicht mit unserer Handykamera für Euch festhalten können.

Am Morgen des 3. Dezembers - Ihr habt also gerade den 1. Advent hinter Euch gebracht - kommt Land in Sicht: Die nordwestlich von Sao Vicente gelegene Insel Santo Antao mit ihrem beeindruckenden Bergmassiv!! Nach über 30 Jahren Blick auf die Alpenkette erstaunt es uns immer wieder, wie unterschiedlich Berge aussehen. Der Anblick von Santo Antao geht unter die Haut...

Noch ca. 2 Stunden Anfahrt, dann ist es geschafft: Wir haben Mindelo erreicht und legen in der Marina an.

"Auf Ankommen segeln" ist uns geglückt!